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Dietrich Grönemeyer

Dein HerzEine andere Organgeschichte

S. Fischer

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HaftungsausschlussDie im Buch veröffentlichten Ratschläge wurden mit größter Sorgfalt erarbeitet und geprüft. Verlag und Autor übernehmen jedoch keine Gewähr für die Aktualität, Vollständigkeit oder Qualität der Informationen. Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt kann und darf nicht verwendet werden, um eigen-ständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Die Illustrationen sind teilweise bewusst pointiert oder verfremdet, um medizinische Sachverhalte plastisch darzustellen.

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Kardiologisches Fachlektorat / Mitarbeit: Dr. Jochem Stockinger, Herz-Zentrum Bad Krozingen

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010Alle Rechte vorbehaltenTypographie, Layout & Satz: Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDruck und Bindung: Himmer AG, AugsburgPrinted in Germanyisbn 978-3-10-027305-5

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Frontispiz Das Herz als Symbol fi ndet sich auch in einer der wichtigsten bild lichen Darstellungen der Romantik. Caspar David Friedrichs (1774–1840) sehnsüchtiger Blick geht durch einen herz-förmigen Ausschnitt zwischen zwei Kreidefelsen auf das Meer. Vor diesem Ausschnitt, also gleichsam auf dem Herzen, sym -bolisieren die Farben Rot und Schwarz die beiden romantischen Leitmotive Liebe und Tod.

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Inhalt

Statt eines Vorworts 9Das Herz fühlt – eine Lebenserfahrung 11

Teil I In der Mitte das Herz 15

Alles kommt vom Herzen herDie Funktionsweise des gesunden Herzens 17

Geh aus mein Herz und suche FreudDie gelösten und ungelösten Rätsel der Herzsteuerung 39

Alles fl ießt – panta rhei Die Gefäße und der Blutdruck 62

Wenn der Fluss versiegtAngina Pectoris, Herzinfarkt und Schlaganfall 91

Nur nicht schlappmachenHerzentzündungen und Herzinsuffi zienz 117

Teil II Du bist mein einzig Herz 13 7

Von Göttern, Menschen und ÄrztenJahrtausende der Herzerfahrung 139

Der Sonne am nächstenDie mythische Herzerfahrung 142

Göttlich erwecktDie religiöse Herzerfahrung 149

Vernünftig betrachtetDie philosophische Herzerfahrung 153

Tief bewegtDie künstlerische Herzerfahrung 166

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Teil III Herzkrank – der Ursachen sind viele Die Erkrankungen des Herzens im Überblick: Symptome, Diagnose, Therapie, Vorsorge 177

Angina Pectoris 179Arteriosklerose 187Blutdruckerkrankungen 196Entzündliche Erkrankungen des Herzens 203Fehlbildungen des Herzens 211Herzinfarkt 217Herzinsuffi zienz 224Herzklappenerkrankungen 229Herzrhythmusstörungen 234Schlaganfall 243

Teil IV Was man nicht vergessen sollte 249

Kann auch guttun: Stress 251Schlaf in himmlischer Ruh 255Liebe und Sexualität wirken heilend 260Das Doppel-Herz der Schwangerschaft 264Keine Angst vor Sport 266Wie messe ich mein Übergewicht? 269Wie lese ich einen Beipackzettel? 270Wichtige Herz-Medikamente und Vitalstoffe 274Herzhafte Ernährung 281Tabelle: 10-Jahres-Risiko, an einer Herz-Kreislauf-

Erkrankung zu versterben 292Naturheilkunde und Bewegung 294

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Teil V Nützliches Wissen rund um Diagnostik und Therapie 303

Kleines ABC der Laborwerte 305Kleines ABC der Untersuchungsmethoden, Eingriffe und Operationen 313

– Angiographie 313 – Auskultation 316 – Bypass 318 – Computertomographie 320 – Dilatation/Stent 321 – Elektrokardiogramm 324 – Herzkatheter/Koronarangiographie 326 – Herzschrittmacher/Defi brillator 329 – Kernspintomographie 331 – Nuklearmedizin 333 – Transplantation 334 – Ultraschall 336

Die Innenansicht: Bilder aus dem Körper 339Herz-Kreislauf: Zahlen und Fakten 345

Hand aufs Herz Ein Epilog 351

Weiterführende InformationenLinkliste Gesundheit und Herz-Kreislauf 355

Abkürzungsverzeichnis 359Literatur 361Bildnachweis 370Sach- und Personenregister 372Dank 383

NOTFALL ( im hinteren Buchdeckel )

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Statt eines Vorworts

Hilflos sitze ich am Bett meiner Tochter, innerlich aufge - wühlt, kraft- und ratlos. Was soll nun, was muss gesche-

hen? Kein Stein will mehr auf den anderen passen. »Ganz klein mit Hut« liegt meine Tochter im Bett, seit Tagen hat sie fast 41 Grad Fieber. Tapfer versucht sie, mit ihrer frechen Mütze cool zu bleiben. Erschrecken, Verwunderung, Angst verraten ihre Blicke. Eben haben uns die behandelnden Ärzte mitgeteilt: Ver-dacht auf Myokarditis – Herzmuskelentzündung. Ein Schock, von dem wir uns langsam erholen müssen, weiß ich doch aus ei-gener leiblicher Erfahrung, was die Diagnose bedeuten kann.

Meine Tochter war gerade aus Südamerika zurückgekehrt. Nach einer eitrigen Mandelentzündung entwickelte sich das Fieber, Tag für Tag, eine Woche lang. Keine Antibiotika zeigten Wirkung. Kurzfristige Entfi eberung konnte nur durch fi eber-senkende Mittel und Wadenwickel erzielt werden; eine nach-haltige und deutliche Fiebersenkung war erst durch Kortison in hohen Dosen zu erreichen.

Wie habe ich meine Tochter bewundert, wie sie tapfer kämp-fend diese Fieberschübe mit beängstigendem Schüttelfrost und Schwitzen bei der Entfi eberung durchgehalten hat, vier-, fünf-mal am Tag. Dieses Leiden und die eigene Hilf losigkeit waren zum Weinen. Als Vater konnte ich die nötige ärztliche Distanz nur schwer, im Grunde gar nicht aufbringen. Ärzte unseres Ver-trauens hatten die Behandlung mit Empathie, Gewissenhaftig-keit und Erfolg übernommen.

Die beginnende Herzmuskelentzündung wurde gestoppt, meine Tochter erst einmal zufrieden entlassen. Danach aber ka-

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Statt eines Vorworts

men die Fragen: Was ist eine Herzmuskelentzündung? Warum ist sie lebensbedrohlich? Welche Folgen kann sie haben? Was sind Herzrhythmusstörungen? Wie sieht eigentlich das Herz aus, und wie wird es versorgt? Wie ist das mit den Gefühlen und dem gelegentlich pochenden Herzen, den Angelegenheiten zwischen Herz und Seele? Welche Rolle spielen diese Zusam-menhänge und besonders das Herz in der Gedankenwelt, der Philosophie, der Literatur, Kunst, Religion und Medizin unserer und anderer Kulturen?

Fragen über Fragen, die sich auch mir plötzlich auf eine ganz neue Weise stellten und auf die ich in diesem Buch nach Antwor-ten suchen möchte. Dabei geht es mir nicht um eine Bereiche-rung der kardiologischen Fachliteratur und auch nicht der geis-teswissenschaftlichen. Diesen Beitrag leisten andere, hochqua-lifi zierte Wissenschaftler. Aber vielleicht kann meine durchaus persönliche Betrachtung dazu anregen, sich wieder etwas mehr und vor allem umfassender mit dem Herzen zu beschäftigen. Deshalb habe ich versucht, »eine andere Organgeschichte« zu erzählen, für mich und für alle, die ihr Herz verstehen wollen.

Wer aber einfach nur das ein oder andere nachschlagen möch te, kann in den dritten, vierten und fünften Teil des Buches schauen, wo einzelne Herzkrankheiten, Therapieansätze und Behandlungsmethoden noch einmal ausführlich erklärt werden. Auch Hinweise zur Selbsthilfe oder Verständnishilfen für das Lesen eines Beipackzettels fi nden sich dort. Auf die vielfältigste Weise will das Buch so immer wieder auftauchende Fragen be-antworten. Und ganz bewusst werden dabei die Grenzen der medizinischen Wissensbereiche im engeren Sinne überschrit-ten. Denn wer sich auf das Thema erst einmal einlässt, merkt schnell, dass es mit dem Herzen mehr auf sich hat, als wir Ärzte uns allein zu erklären vermögen. Auch als Therapeuten sollten wir uns psychologisch, philosophisch und kulturgeschichtlich beraten lassen, wenn wir verstehen möchten, was das heißt: In der Mitte … das Herz.

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Das Herz fühlt – eine Lebenserfahrung

Ich erinnere mich noch gut, welches Jubelgefühl, welche herz- erfrischende Stimmung mich erfasste, als ich, ein kleiner

Junge, zum ersten Mal das Lied »Geh aus mein Herz und suche Freud« hörte. Geradezu hineingerissen wurde ich von dieser Melodie. Einzelne Passagen konnte ich nach kurzer Zeit mitsin-gen: »Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide«. Es war, als wenn diese Musik mein Herz füllen und streicheln würde. Alles vibrierte, fl immerte; ein Zau-ber, der bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat. Ein fl üch-tiger Gedanke daran, und wohlige Stimmung macht sich breit. Erste Herzensfreude, herüberstrahlend aus der Kindheit!

Oder Jahre später. Jeder kennt es, dieses phantastische Herz-rasen, die glückliche Aufgeregtheit, wenn man sich zum ersten Mal verliebt. Ein Blick, Bruchteile einer Sekunde haben genügt, ein Empfi nden der Glückseligkeit zu wecken. Von den Augen mitten ins Herz. Berauschende Freude nach dem erwiderten Lächeln und dazu »Wackelpuddingbeine«, Schmetterlinge im Bauch, trockener Mund und feuchte Hände: ein wundervolles Gefühl mit »mentalem Herzfl immern«, unvergesslich fürs Le-ben – wieder so eine Erfahrung, die Bleibendes stiftet, weil sie uns das Herz spüren lässt.

Irgendwann, in späteren Jahren, müssen wir dann aber auch die ganz andere Herzenserfahrung machen, Beklemmung, Druck und Angst. Das Berufsleben zumeist bringt dies in der modernen Welt mit sich. Überforderung, Ungerechtigkeit, Be-trug treffen uns so, dass es einem im wahrsten Sinne des Wortes das Herz abschnürt. Jahrelang haben wir an einem Projekt ge-

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Das Herz fühlt – eine Lebenserfahrung

arbeitet, und plötzlich müssen wir erleben, wie ein anderer, ei-ner, dem wir womöglich vertrauten, die Erfolge unter seinem Namen präsentiert, während wir noch vergebens nach den ver-schwundenen Unterlagen suchen. Viele müssen solche und ähn-liche Erfahrungen immer wieder machen; und nicht immer sind unsere Herzen dem gewachsen. Vielfach reagieren sie mit Be-klemmung, mitunter auch mit Infarkt, krankhaftem Herzfl im-mern oder Herzmuskelentzündungen. Das meiste davon lässt sich heute glücklicherweise wieder ausheilen. Was aber bleibt, ist die Erinnerung an den Druck auf Herz und Seele, an das schmerzhafte Empfi nden in der Brust.

Ohne die Erfahrung von Liebe und Leid ist unser Herz nicht zu verstehen. Als bloßer Muskel lässt es sich nicht behandeln. Auch als Ärzte werden wir immer wieder daran erinnert. Er-schüttert denke ich daran, wie mein Vater schrie, nachdem mein Bruder, der zweite von uns dreien, in seinen Armen gestorben war. Vergebens hatten wir versucht, seine Leukämie zu besiegen. Der Medizin waren Grenzen gesetzt. Damals musste ich schwe-ren Herzens erkennen und verstehen lernen, dass leben zu dür-fen eine Gnade und Sterben unser ständiger Begleiter ist. Am Ende hat das mein Herz erleichtert und befreit. Das Herz mei-nes Vaters aber blieb gebrochen. Der Verlust hinterließ bis zu seinem baldigen Tod einen fl immernden Herzschmerz. Erst all-mählich konnten wir das verstehen.

Auch dank solcher Erfahrungen weiß ich heute, dass unser Herz nicht nur eine Pumpe ist, so wie wir es in der medizini-schen Ausbildung lernen. Als ein sogenanntes psycho-somati-sches Organ reagiert es auf seelische Erschütterungen, auf po-sitiven oder negativen Stress. Es schlägt den Takt des Lebens in einem sehr viel umfassenderen Sinn. An ihm hängen Anfang und Ende, auch wenn uns das oft erst in der Not bewusst werden mag. Wer einmal am Bett eines Herzkranken gesessen hat, weiß, wie viele Fragen da plötzlich auftauchen und dass dem Patienten, dem Menschen, mit anatomischen Erklärungen allein nicht ge-holfen ist. Wenn jemand beispielsweise Tage um Tage mit 41 Fie-

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ber gerungen hat, weil er eine Herzmuskelentzündung hatte, will er danach nicht nur hören, dass es sich um eine Myokardi-tis handelte, nicht bloß erfahren, welche Ursachen und Folgen das haben könnte, er will auch wissen, was das Herz überhaupt ist, was es mit unserer Seele und den Gefühlen, dem Glück der Liebe und mit den Ängsten des Todes zu tun hat. Seit Jahrtausen-den schon kreisen die Gedanken der Menschen um diese Fragen, in der Philosophie, in der Kunst sowie in der Literatur und natür-lich in der Medizin. Keine Kultur, in der der Herz-Kult nicht eine zentrale Rolle spielt, in der das Herz nicht in die Mitte des Le-bens rückte. Wer vom Herzen spricht, berührt immer das Ganze und den Einzelnen zugleich, Empfi ndung und Verstand zusam-men.

Das Organ hat seine eigene Geschichte. Und wer sie verste-hen will, der muss die Grenzen der Naturwissenschaft über-schreiten. Denn wir Menschen leben nicht nur vom Schlag un-seres Herzens, wir fühlen es auch, wir spüren, dass es lachen und weinen, Purzelbäume schlagen oder zerreißen kann. Jeder erfährt das auf seine Weise durch Freude, Liebe, Schmerz und Leid. In zahllosen Kunstwerken, in Bildern, in Versen und Ro-manen ist diese Erkenntnis aufgehoben. Nur die Wissenschaft hat dies lange nicht wahrhaben wollen. Zum Glück aber gibt es unterdessen auch hierzu neueste Studien, die nun sogar natur-wissenschaftlich beweisen: Das Herz fühlt!

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Das Herz fühlt – eine Lebenserfahrung

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Teil I

In der Mitte das Herz

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Das Herz fühlt – eine Lebenserfahrung

Bild auf vorhergehender Seite: Paul Klee (1879–1940), Herzdame. Das Gemälde entstand 1922 und hängt heute in Luzern (Sammlung Rosengart).

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Alles kommt vom Herzen herDie Funktionsweise des gesunden Herzens

Das Herz ist die leibliche und die psychische, auch die mythi-sche Mitte unseres Lebens, der Motor des Daseins, das ge-

fühlte Zentrum des Ichs, der Seele und der Leidenschaft. Herz und Gefühl, Liebe, Freude und Schmerz gehören für uns zusam-men. Über alle Grenzen hinweg besteht hier ein seltener Gleich-klang der Kulturen seit Anbeginn. Seit jeher hat das Herz die Phantasie der Menschen beschäftigt, galt es ihnen als Symbol des Lebens und der Stärke. Bereits in steinzeitlichen Höhlenma-lereien fi nden wir symbolische Andeutungen des Herzens, zum Beispiel im spanischen Altamira auf der Höhlenzeichnung eines Stieres oder auf den Fresken von El Pindal.

Schon in der Frühgeschichte und bei den Naturvölkern rank-ten sich Mythen und magische Rituale um das Herz, gab es erste Worte für das treibende Organ des Lebens. Die India ner aus dem Mato Grosso in Brasilien sollen sogar über zwei ver-schiedene Worte für das Herz verfügt haben, über eines für das eige ne und ein zweites für das Herz der anderen. Menschliche Beziehungen wurden als Herzensangelegenheit begriffen. Bei Freunden konnte man von der Kraft des Herzens profi tieren, bei Feinden musste man sie fürchten und besiegen. Deshalb zele-brierten Naturvölker wie die Sioux-Indianer oder die Aschanti in Westafrika rituelle »Herzmahlzeiten«. Um die eigene Kraft, die körperliche und die geistige, zu verdoppeln, wurden die Herzen der Gegner verzehrt. Künstlerisch sublimiert, ohne den kannibalischen Vollzug, lässt sich dieser mythische Gehalt noch in der christlich-abendländischen Kultur fi nden. Siegfried etwa, auch der strahlende Held des »Nibelungenlieds«, kann die Spra-

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che der Vögel erst verstehen, nachdem er das Herz des Drachen Fafnir verschlungen hat, wie man in der nordischen »Edda« le-sen kann.

Wer das Herz hat, dem gehört das Leben; und was er tut, das liegt ihm nachher auch »auf dem Herzen«, wie wir heute noch sa-gen. Philosophisch begründet wurde die Vorstellung schon von den alten Ägyptern. Für sie war das Organ nicht nur ein Mus-kel, sondern das Zentrum der Gefühle, der Vernunft sowie der Schuld, die man womöglich auf sich geladen hatte. Als herzlos galt, wer nichts von Wahrheit und Gerechtigkeit wissen wollte. Bei der Mumifi zierung wurde das Herz, anders als die übrigen in-neren Organe, dem Toten mit auf die Reise ins Jenseits gegeben. Vor dem Eintritt in die Ewigkeit sollte es von dem Totenrichter Osiris gewogen werden. War es zu schwer mit Schuld beladen, drohten Strafen in der Unterwelt: ein Mythos, den nachfolgende Kulturen auf vielfältige Weise adaptierten. Noch in der mittelal-terlichen christlichen Volksreligion wurde der Brauch des »See-

Das angeblich erste Herzmotiv der Weltgeschichte in den Höhlen von El Pindal in Spanien. Angeblich deshalb, weil es inzwischen Anlass zu der Vermutung gibt, dass ein begeisterter Forscher die Konturen im vorigen Jahrhundert mit roter Farbe nachgezeichnet, wenn nicht gar selbst ein - gefügt hat.

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lenwiegens« gepfl egt. Auch in den uralten Veden, den religiösen Dichtungen der Inder, ebenso wie in Homers »Ilias« oder den Glaubensvorstellungen verschiedener Kulturen, im Judentum, im Islam, im Buddhismus, in den unterschiedlichsten Denkmo-dellen und Welterklärungsversuchen wird unser Bewusstsein, das menschliche Selbstverständnis, mit dem Herzen verbunden. Deshalb auch ließen seit dem frühen Mittelalter Aristokraten über viele Jahrhunderte ihren Körper und das Herz getrennt be-statten. In Deutschland geschah das zum letzten Mal 1954 nach dem Tod der bayerischen Kronprinzessin Antonie von Luxem-burg, deren Herz in Altötting begraben liegt. Geradezu natio-nalmythische Bedeutung erlangte im 19. Jahrhundert die Heim-holung des Herzens von Frédéric Chopin (1818–1849): Während sein Körper auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris begraben ist, ruht sein Herz in der Warschauer Heiligkreuz kirche.

Die Gehirne berühmter Menschen werden nach ihrem Tod bisweilen präpariert, um sie für die Forschung aufzubewahren. Mit dem Herzen dagegen pfl egt die Nachwelt einen eher ritu-ellen Umgang. Denn, so sagt Arthur Schopenhauer (1788–1860): »Im Herzen steckt der Mensch, nicht im Kopf.« Das »primum mobile« des Organismus, wie es Schopenhauer nennt, ist zur Metapher des Menschseins schlechthin geworden. Aus ihm be-ziehen wir die menschliche Orientierung, lange bevor der Kopf, die Ratio, unser Handeln und Verhalten zu bestimmen vermag. »Selbst in dem Leibe des Menschen / Gilt das Herz vor der Hand; die belebende Kraft ist im Herzen«, heißt es in den »Metamor-phosen« des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.). An-ders gesagt: Am Anfang war nicht das Wort, sondern das Herz, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Oft unterscheiden die Philosophen daher die Logik des Herzens vom scharfen Ver-stand. Selbst der Aufklärer Immanuel Kant (1724–1804), Präzep-tor der kritischen Vernunft, schrieb, dass »das Herz dem Ver-stande die Vorschrift« gibt.

Hippokrates (um 460 – 370 v. Chr.), dem wir als Ärzte bis heute durch unseren Eid verpfl ichtet sind, hatte um 400 v. Chr.

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das Gehirn als das Organ des Verstandes ausgemacht, nachdem es zuvor als bloßes Füllwerk, als eine müllartige Absonderung anderer Organe angesehen worden war, doch war damit der Ort der Seele noch nicht bestimmt – nicht unter den Ärzten. Dieses Problem bedurfte philosophischer Lösung, etwa durch Platon (427 – 348/47 v. Chr.), der einen Kompromiss fand, indem er die niederen seelischen Eigenschaften in Bauch und Unterleib, die Vernunft und unsterbliche Seele im Kopf, den Mut und die Ge-fühlswelt aber im Herzen verortete. Diese Drei-Seelen-Lehre wurde erst durch seinen Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr) modifi ziert. Der griechische Rationalist machte das Herz zum existentiellen Mittelpunkt des Menschen, wo wir bis heute den Sitz der Seele vermuten.

Die Überzeugung von der gestaltenden Kraft des Herzens gehört sozusagen zu den weltanschaulichen Prämissen der Menschheit. Jede Epoche, jede Kultur hat dieser aus der Erfah-rung erwachsenen Erkenntnis auf ihre Weise Ausdruck verlie-hen. Weiter noch als die Ägypter, für die das Herz der Knoten war, der das Jenseits, das Göttliche und die Menschen verbindet, dachten die Inder, wenn sie glaubten, das Herz sei ein unend-licher Raum, in dem »der Herr des Weltalls« wohne und die See - le die Welt schaffen würde. Das Gleiche drückte auch Augusti-nus (354–430) in einem ganz anderen Kulturkreis aus, als er da-von sprach, dass »die Liebe und das Licht Gottes in unsere Her-zen« gegossen sei. In einem Gemälde von Stefan Lochner hält der Kirchenvater symbolisch »das Herz der Liebe« in der Hand.

Da wie dort, bei den Denkern des Altertums wie bei denen der jüngeren Geistesgeschichte, wurde und wird dem Herzen die höhere Vernunft, die Offenbarung des Menschlichen, die eigentliche, die »Herzensbildung« zugeschrieben. Der franzö-sische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), ein Zeitge-nosse Kants, ging bei seinen Überlegungen davon aus, dass das fühlende Herz, insbesondere die Liebe und Leidenschaft, der »theoretischen Vernunft« überlegen sei. Das Prinzip sittlicher Orientierung sei nicht durch Morallehren erkennbar, sondern

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angeboren. Gott verlangt das Diktat des Herzens. Ganz ähnlich Voltaire (1694–1778), der seinem Leser zurief: »Bedenke, dass die ewige Weisheit des Allerhöchsten mit eigener Hand deinem in-nersten Herzen die natürliche Religion eingeprägt hat.«

Wesentliche Impulse unseres Handelns kommen nach den Vorstellungen vieler Kulturen aus dem zentralen Organ des Le - bens, aus dem denkenden sowie aus dem fühlenden Herzen. Diese Einheit ist existenzbestimmend vom Anfang bis zum Ende, individuell und in unserem Verhältnis zueinander. Das Herz als Organ hat eine Bedeutung, die weit über das naturwissenschaft-lich Fassbare hinausgeht. Reagierte es doch ständig und biswei-len durchaus bedrohlich auf emotionale Reize. Dass da nicht nur symbolische Verbindungen bestehen, haben Ärzte und Psycho-logen wie Sigmund Freud (1856–1934) oder C. G. Jung (1875–1971) Anfang des vorigen Jahrhunderts herausgefunden. Nicht zuletzt mit den Mitteln der Psychoanalyse konnten sie nachweisen, dass Gefühle und Gedanken oder gar traumatische Ereignisse, selbst wenn sie aus der Kindheit herrühren, sowohl das Bewusstsein als auch das Unbewusste beeinfl ussen und seelische sowie kör-

Stefan Lochner (1400–1451), Die Heiligen Ambrosius, Cäcilia und Augus-tinus: Das Herz des Augustinus wird vom Liebespfeil Gottes durchbohrt.

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perliche Reaktionen auslösen – negative, die der Behandlung be-dürfen, aber auch positive, die wir uns viel zu selten bewusst ma-chen.

Wenn wir ein anderes Herz direkt schlagen hören, regelmä-ßig und unbeirrbar, wenn wir es gar Haut an Haut spüren kön-nen, beruhigt uns das ungemein und schafft sofort ein Gefühl der Nähe und Geborgenheit. Als Fötus lagen wir unter dem Herzen der Mutter, geschützt und in Sicherheit; nach der Ge-burt lagen wir ihr am Herzen. Die emotionale Erinnerung dar - an begleitet uns ein Leben lang. Und immer dann, wenn wir je-mandem so nahe kommen – körperlich oder seelisch –, dass wir seinen Herzschlag spüren oder hören, fühlen wir uns plötzlich wieder geborgen und froh, wie immer es uns sonst eben gehen mag. Überschäumende Fröhlichkeit erfasst uns in den Momen-ten glücklicher Verliebtheit, wenn unsere Herzen synchron zu schlagen beginnen, die Seelen im Gleichklang schwingen, zwei Menschen »ein Herz und eine Seele« sind.

Nur das eigene Herz, das kann man selbst nie schlagen hö-ren, auch wenn man manchmal meint, es klopfe einem »bis zum Hals«. Was es mit diesen Tönen auf sich hat, ob und wann sie An-lass zur Sorge geben sollten, muss der Arzt mit dem geräusch-verstärkenden Stethoskop heraushören, auskultieren, wie wir in der Medizin sagen. Bei keiner Untersuchung sonst lässt sich un-mittelbarer erfassen, was uns erweckt und am Leben erhält. Da-bei hatte sich der Anstoß zur Entwicklung dieses nützlichen Ge-räts eher zufällig ergeben, aus der Prüderie des 19. Jahrhunderts. Damals nämlich war es keineswegs üblich, dass man Patienten, geschweige denn Frauen, nackt untersuchte. In Pariser Kranken-häusern schüttelte man die Patienten und klopfte ihnen heftig auf die Brust bei Verdacht auf Wasseransammlung in der Lunge oder legte bei intensiver Lungenuntersuchung vielleicht einmal das Ohr auf den Rücken und den seitlichen Brustkorb. So ge-riet der französische Arzt René Théophile Laennec 1816 in eine Zwickmühle, als er eine hübsche junge Frau mit großem Busen auf Herz und Lunge untersuchen musste. Ihre Oberweite und

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das darüber liegende Leinenhemd machten eine Klopfschallun-tersuchung (Perkussion) des Herzens, wie sie seit 1761, erfunden von dem Wiener Arzt Leopold Auenbrugger (1722–1809), üblich war, unmöglich. Laennec selbst umschrieb die Situation spä-ter sehr diplomatisch: »Da sie [die Patientin] recht beleibt war, ließen sich mit dem Abklopfen des Brustraumes mit der Hand keine Erkenntnisse gewinnen. Das Alter und Geschlecht der Pa-tientin erlaubten es mir nicht, die von mir oben beschriebene Un-tersuchung durchzuführen. Doch fi el mir in dieser Situation ein bekanntes akustisches Phänomen ein: dass man nämlich, wenn man das Ohr an das Ende eines Holzbalkens legt, noch das leise Kratzen einer Nadel am anderen Ende hören kann. So verfi el ich darauf, dass dieses physikalische Phänomen mir im vorlie-genden Falle von Nutzen sein könnte.« Da er sein Ohr nicht ein-fach auf die Brust der Dame legen konnte – das wäre schlicht ein Skandal gewesen –, rollte Laennec ein Papierheft zum Trichter: Das Stethoskop, wörtlich übersetzt »Brustspion«, war erfunden. Schnell wurde dann das Papier durch einen Glaszylinder ersetzt

Auf dem Gemälde von Théobald Chartran legt der französische Arzt und Erfi nder des Stethoskops René Laennec (1781–1826) sein Ohr an den Brustkorb eines Patienten, um dessen Herz abzuhören.

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und später mit einer Scheibe, einer Membran und zwei Schläu-chen zum Weiterleiten des Schalls ausgestattet. Heute gehört das Stethoskop zu den Statussymbolen der Ärzte, ist es zum Zeichen ihrer medizinischen Kunst geworden.

Eine fast wartungsfreie Pumpe

Schlag um Schlag hält das Herz den Kreislauf des Lebens in Gang. Durch rhythmische Kontraktionen, durch den Wechsel von Systole und Diastole, Anspannung und Entspannung, pumpt es große Mengen Blut durch den Körper und die Lunge, ver-sorgt so Muskeln, Gehirn, Organe und Gewebe. Der lebensnot-wendige Sauerstoff oder Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße, Mineralien und Vitamine werden zu den Zellen getra-gen, Abfallprodukte abtransportiert. Unaufhörlich, ohne Un-terbrechung muss dieser Kreislauf in Bewegung gehalten wer-den – einzig und allein durch das pumpende Herz. Es ist eins der ersten Organe, die in der Entwicklung des Embryos ange-legt werden. Selbst wenn auf dem Ultraschallbild noch nicht mehr zu sehen ist als eine zuckende Ansammlung sich teilen-der Zellen: Das Herz schlägt schon ruhig, rhythmisch und fort - dauernd.

Wer das im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung auf dem Monitor beobachten kann, wird von Staunen und nicht selten von einem Gefühl atemloser Andacht ergriffen. Gut erinnere ich mich an den Schauer, der mir über den Rücken lief, als ich zum ersten Mal meinen noch ungeborenen Sohn, dieses win-zige Wesen mit seinem pulsierenden Herzen, auf einem Bild-schirm sah. Damals war ich noch Student; und später habe ich es auch als Radiologe immer wieder erlebt: Niemand kann sich der Faszination dieses menschlichen Werdens entziehen. Vor al-lem der Herzschlag der Mütter macht meist spürbare, wenigs-tens empfundene Sprünge des Glücks beim Anblick dessen, was da in ihnen, in der Geborgenheit ihres Leibes zu leben beginnt,

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an getrieben von einem noch unvorstellbar kleinen Motor, dem Herzen.

Gläubige wie weniger gläubige, selbst ungläubige Menschen fühlen sich für Momente von einem Wunder der Schöpfung er-griffen, heute mehr denn je, da uns moderne bildgebende Ver-fahren wie die Ultraschalluntersuchung Einblicke erlauben, wie man sie sich früher nicht vorzustellen wagte. Dass dabei auch eine gewisse Vorsicht geboten ist, weil wir bisher nicht wissen, wie beispielsweise die hohen Schallwellen langfristig auf die Zellen im Allgemeinen und auf die Entwicklung des Gehörs im Besonderen wirken, sollte man bedenken.

Ohne unser Zutun entwickelt sich das Herz (lateinisch cor, griechisch kardía), soweit es denn gesund ist, zu einem kräftig

Maria mit dem Kind –ein zentraler Bestandteil katholischer Theologie, der anders als in der evangelischen Kirche der Weiblichkeit Aus - druck verleiht. Hier in einer zeit genössischen Madonnendarstellung von Egbert Nocke, in der der Kopf des Kindes im Herzen der Mutter liegt. Mutter und Kind sind ein Herz und eine Seele, so könnte man meinen.

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agierenden Muskel. Denn nichts weiter ist dieses Organ rein anatomisch betrachtet. Anders jedoch als die Bein- oder Arm-muskulatur können wir seine Tätigkeit nicht bewusst steuern. Selbsttätig erfüllt der Herzmuskel seine wesentliche Aufgabe: Blut zu pumpen. Deshalb bezeichnen wir das Herz umgangs-sprachlich gern als »Pumpe«. »Mit meiner Pumpe ist etwas nicht in Ordnung«, sagen wir, wenn wir körperlich Herzphänomene wie unregelmäßige Schläge wahrnehmen, oder »das ist mir auf die Pumpe geschlagen«, wenn wir unangenehme Ereignisse mit dem Herzen zu spüren meinen. Schließlich ist dieser robuste Muskel, diese Pumpe, auch ein besonders empfi ndsames Organ. Das Herz kann uns vor Angst »in die Hose rutschen« oder vor Traurigkeit schmerzen. Auch auf Freude, Liebe und Hass oder auf Wut reagiert es mit empfi ndlichen Ausschlägen, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Der Mutige spürt »Her-zensstärke«, der Unsichere zittert vor »Herzensangst«. Dies, die Wechselfälle des Lebens zu verkraften, ist die zweite große Aufgabe des Herzens. Auch dafür brauchen wir das starke Zen-trum unserer Existenz; darauf muss Verlass sein.

Allerdings hat si ch diese Erkenntnis psychosomatischer Zu-sammenhänge im medizinischen Alltag erst langsam und nicht selten gegen erhebliche Widerstände durchsetzen müssen. Manchmal schien es fast, als würde die gesamte Menschheits-erfahrung geradezu ausgeblendet. Ungeachtet dessen, was jene, die sich mit der Seele befassten, über deren Verbindung mit dem Herzen im Laufe der Geschichte herausgefunden haben, ver-steifte sich die Schulmedizin gerade in der jüngeren Geschichte auf eine rein naturwissenschaftliche Auffassung unseres zentra-len Organs. Zu einem war das sicher eine der üblichen Abwehr-reaktionen gegenüber dem Neuen, Unbekannten, in diesem Fall der Psychologie und der Psychoanalyse; zum anderen mag es, insbesondere seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, auch aus der Hoffnung resultiert haben, sich mit dem immer rasche-ren naturwissenschaftlichen Fortschritt einer gleichsam mathe-matisch zuverlässigen Diagnostik und Behandlung annähern zu

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können. Nur noch das Messbare, das apparatemäßig Erfassbare sollte gelten. Doch wie auch immer, auf jeden Fall haben sich die Erkenntnisse über den Zusammenhang von Psyche und Herz-funktion – das muss ich auch als bekennender Schulmediziner festhalten – langsamer durchgesetzt, als es im Interesse der Pa-tienten wünschenswert gewesen wäre. Erst 1949 wurde unter Leitung von Alexander Mitscherlich (1908–1982) in Heidelberg die erste deutsche Abteilung für psychosomatische Medizin ge-gründet. Wenig später entstand die bio-psycho-soziale Rich-tung der Medizin, wesentlich begründet durch Thure von Uex-küll (1908–2004). Dass sie bis heute unterschätzt wird, ist wie-derum kritisch anzumerken.

Doch der Fortschritt ist nicht aufzuhalten, schon gar nicht in der Medizin. Seit kurzem gibt es die Disziplin der Psychokardio-logie, ein medizinisches Fachgebiet, das die klassische Kardio-logie mit der Psychologie vereint. Vor wenigen Jahren noch als Hokuspokus abgetan, fi nden neueste Studien dazu heute im-mer mehr Gehör. Spektakuläre Erkenntnisse und praktische Er-gebnisse lassen auch hartgesottene Skeptiker umdenken. Ein Beispiel: Frauen, meist nach den Wechseljahren, können an ei-nem sogenannten Broken-Heart-Syndrom (gebrochenes Herz) erkranken. Sie erleben dann die gleichen Vernichtungsgefühle und körperlichen Reaktionen wie bei einem Herzinfarkt, ohne dass bei der Herzkatheteruntersuchung die entsprechenden Durchblutungsstörungen der Gefäße zu fi nden sind. Auch der Herzmuskel zeigt sich weitgehend unauffällig. Nur die linke Herzkammer erweitert sich spontan. Der Ausfl uss der Haupt-schlagader erscheint relativ verengt, da sich die Herzspitze wie eine Aussackung (Aneurysma) erweitert und zu wenig Blut ins Gefäßsystem gepumpt wird. Tako-Tsubo wird dieses Krank-heitsphänomen auch genannt, weil japanische Forscher, als sie das Phänomen entdeckten, die Form der betroffenen Herzen an eine kugelförmige Tintenfi schfalle erinnerte. Ausgelöst wird die Erkrankung durch psychische Dauerbelastung oder ein plötz-liches negatives Ereignis, das dazu führt, dass der Herzmuskel

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mit Stresshormonen überfl utet wird. Die Folge: Der Muskel er-lahmt und »leiert« aus. Es kommt zu den beschriebenen Störun-gen bei der Blutversorgung. Dass solche Attacken »nur« seelisch bedingt sind und meist glimpflich verlaufen, ändert nichts an dem Erleben von Bedrohung und den Angstzuständen der Pa-tientinnen. Sind sie doch im Zentrum ihres Körpers getroffen: an der Pumpe, die alles versorgt – am fühlenden Herzen, in der menschlichen Mitte.

Das Zentrum und der ewige Fluss

Wann immer etwas zu bezeichnen ist, das zentrale Bedeutung hat, belegen wir es mit dem Bild des Herzens. Jede Kultur, jedes Staatswesen, jede Familie, jede Gemeinschaft besitzt ein Herz im übertragenen Sinn. Gesellschaften werden davon geprägt und entsprechen dem mit ihren Ritualen. Seit Menschengeden-ken wird das Zentrum der Macht als das Herz der Gemeinschaft begriffen. Baulich ist es meist im Herzen einer Stadt angesie-delt. Dass die meisten Hauptstädte, die pulsierenden Zentren der Länder, dann doch nicht in der geographischen Mitte liegen, müssen wir bei näherem Hinsehen oft mit Erstaunen feststel-len. Die spontane Vorstellung will es so: Herz und Mitte gehö-ren für uns zusammen, obwohl das anatomisch gesehen besten-falls annähernd zutrifft. Schlägt doch das Herz eher links von der Mitte, hinter dem Brustbein auf Höhe der zweiten bis fünf-ten Rippe, eingebettet in den Herzbeutel, der aus Bindegewebe besteht. Seitlich grenzen der rechte und der linke Lungenfl ügel an das Herz, unterhalb ist der Herzbeutel mit dem Zwerchfell verwachsen.

Das Herz selbst ähnelt nur annähernd seiner symbolischen Darstellung. Es hat die Form eines etwa männerfaustgroßen, asymmetrischen Kegels, spitz nach unten zulaufend. Die deut-lich erkennbare Asymmetrie wird von den beiden Herzhälf-ten bestimmt. Das Gewicht des Herzens beträgt bei einem ge-

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sunden Erwachsenen gut 300 Gramm. Das schwerste Herz, von dem wir wissen, wurde 1854 entdeckt und wog über zwei Kilo. Meist liegt das Gewicht von vergrößerten Herzen aber deutlich darunter, zwischen 1300 und 1500 Gramm. Im Gegensatz zur herkömmlichen Meinung sind diese extrem vergrößerten Her-zen aber keine »Sportlerherzen«, sondern Resultate krankhaf-ter Prozesse, Spätfolgen von Streptokokken-Angina, Rheuma, Syphilis oder Herzschwäche. Das Sportlerherz ist dagegen nicht krankhaft. Meist schlägt es ein Leben lang ausdauernder als andere Herzen, ist doch der Muskel kräftiger und leistungs-fähiger, dank kontinuierlicher sportlicher Belastung. Plötzli-che Todesfälle wie der des berühmten Radprofi s und Tour-de-France-Gewinners Marco Pantani 2004 sind trotz anders lauten-der Berichte meist nicht auf ein Sportlerherz zurückzuführen, sondern auf unklare plötzliche Herzstillstände (sudden cardiac death), verursacht beispielsweise durch Rhythmusstörungen bei Überlastung, durch nicht ausgeheilte Vireninfektionen oder durch Medikamentenmissbrauch, sprich Doping. Bei Pantani war es wohl Kammerfl immern durch Kokainabusus. Aber auch anabole Steroide wie das männliche Geschlechtshormon Tes-

Das Herz sitzt in der Regel leicht nach links versetzt hinter dem Brustbein und ist durch den knöchernen Brustkorb vor äußeren Einfl üssen geschützt. In unmittelbarer Nachbarschaft befi nden sich die großen Gefäße, die Lunge, das Zwerch - fell, die Leber und die Milz.

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tosteron, das fatalerweise immer noch genommen wird, wenn man sich ein schnelleres Muskelwachstum erhofft, können zum Herztod führen, da sie den Herzmuskel und seine Funktion nicht unbeeinfl usst lassen.

Aufgebaut als ein Hohlmuskel, besteht das Herz aus zwei Hälften, der rechten und der linken, die beide wiederum in eine Vor- und eine Hauptkammer geteilt sind – genauer: in den Vor-hof und die Kammer. Zwischen den Hälften liegt die Herzschei-dewand, die sich dann nochmals in die Vorhofscheidewand und die Kammerscheidewand unterteilt.

Das Blut fl ießt in jeder Herzhälfte nur in eine Richtung – nicht durch die Scheidewand in die rechte oder die linke Herzhälfte. Zwischen den Vorhöfen und den Kammern sowie den sich an die Kammern anschließenden Gefäßen befi nden sich insgesamt vier Herzklappen, die man sich wie Rückschlag ventile vorstel-

len kann. Sie regeln das Ein- und Ausströmen des Blu-tes. Die Herzscheidewand wiederum verhindert,

dass ankommendes sauerstoffreiches und abfl ießendes kohlendioxidreiches Blut

vermischt werden.Das heißt: Aus der Lunge fl ießt durch

vier Lungenvenen mit Sauerstoff angereichertes (arterielles) Blut in den Vorhof der linken Herzhälfte. Von dort aus gelangt es durch die Mi tral klappe in die linke Kam-mer. Die Mitralklappe hat ihren Namen erhalten, weil ihre Form der liturgischen Kopfbe deckung von Bischö fen – der Mitra – äh-nelt. Anschließend strömt das

Blut durch einen Ausfl uss trakt, die Aorten- oder Taschenklappe und

die Hauptschlagader (Aorta), in den großen, den Körperkreislauf und von

Schematischer Schnitt durch das Herz bei geschlossenen Vorhof-kammerklappen. Vorhöfe (grün hervorgeho ben), Kammern mit Klappen auf-hängungen schließen an.

tes. Dida

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dort weiter ins Gewebe und die Organe. Hier wird dem Blut – genauer den roten Blutkörperchen – der Sauerstoff zum Funk-tionieren der Körperprozesse entzogen. Beim Verbrauch in den Zellen entsteht als Abfallprodukt unter anderem Kohlendioxid (CO22). Das nunmehr sauerstoffarme und kohlendioxidreiche (venöse) Blut, das dann aus dem Körper in die rechte Herzhälfte zurückkommt, fl ießt zunächst in den Vorhof, danach durch eine weitere Klappe, die den Vorhof von der Kammer trennt. Mit drei Segeln verhindert diese Trikuspidalklappe den Rückfl uss des Blutes in dem rechten Vorhof. Anschließend wird das Blut zur erneuten Anreicherung mit Sauerstoff in den kleinen, den Lun-genkreislauf gepumpt. Um dieses System ohne Unterbrechung

Das Herz- Kreislauf-System

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in Bewegung zu halten, muss der Herzmuskel Kräfte freisetzen, mit denen man auch ein kleines Wasserkraftwerk betreiben könnte. Immerhin beträgt die durchschnittliche Pumpleistung 7200 Liter pro Tag, ca. 2,5 Millionen Liter im Jahr, 180 Millionen Liter in einem siebzigjährigen Leben; und das alles bei meist war-tungsfreiem Betrieb.

Die Musik des Herzens

Wo so viel Bewegung herrscht, entstehen Schwingungen, die sich auf die Brustkorbwand übertragen, so dass wir sie als Herz-töne, als akustische Signale der Herzaktion, wahrnehmen kön-nen. Im Normalfall hört der Arzt dabei zwei Töne. Der eine ist dumpf und kommt zustande, wenn sich die Muskulatur zusam-menzieht. Der zweite ist lauter und kürzer. Er entsteht, wenn die Blutsäule gleich nach dem Schließen der Taschenklappen in den Gefäßen vibriert. Mit Hilfe eines besonderen elektroni-schen Stethoskops lassen sich aber manchmal sogar bis zu vier Herztöne unterscheiden. Bei dem dritten Herzton hört man das in die Herzkammer einströmende Blut, der vierte ist nur selten als Ton der Kontraktion, des Zusammenziehens der Vorhofmus-kulatur, wahrzunehmen. Sind außer diesen noch weitere Geräu-sche zu hören, lässt dies auf Veränderungen der Herzfunktion schließen. So ist zum Beispiel bei einem Geräusch in der Dia-stole, der Ruhephase des Herzens, ein Defekt der Herzklappen zu vermuten, etwa nach einer antibiotisch unzureichend behan-delten Streptokokken-Angina mit anschließender Herzinnen-hautentzündung (Endokarditis).

Das gesunde Herz indessen schlägt gleichmäßig, bei einem Erwachsenen normalerweise zwischen 60- und 80-mal pro Mi-nute, 100 000-mal am Tag, 36 Millionen Mal im Jahr und 2,5 Mil-liarden Mal während eines siebzigjährigen Lebens. Dabei sorgt die genau abgestimmte Abfolge von Kontraktionen oder Schlä-gen in den Vorhöfen und Kammern dafür, dass pro Schlag je-

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weils ca. 80 Milliliter Blut in den Körper und Lungenkreislauf gepumpt wer-den. Wenn man davon ausgeht, dass das Herz in einer Minute durch-schnittlich 70 Mal schlägt, kann man leicht ausrechnen, dass pro Minute mehr als fünf Liter Blut transportiert werden, was in etwa dem gesamten Blutvo-lumen des Körpers entspricht. Macht man sich gar die Pumpleis-tung in einer Stunde klar, so sind es ca. 336 Liter, die der Herzmuskel bewegt. Und das ist noch nicht alles. Denn die Pumpleistung erhöht sich bei körperlicher Anstrengung deutlich, bis auf das Fünffache unter extremen Umständen. Wie alle Muskeln muss das Herz, um diese Leistung erbringen zu kön - nen, auch selbst ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Das übernehmen die Herzkranzgefäße (Koronar -gefäße). Sie entspringen aus dem Anfangsteil der Hauptschlag-ader knapp oberhalb der Aortenklappe, die den Blutfl uss aus der linken Herzkammer regelt. Als rechte und linke Herzkranz-arterie verzweigen sie sich über den gesamten Herzmuskel.

Antrieb aus dem Nichts

Je genauer man sich das Herz anschaut, desto mehr erstaunt seine perfekte Konstruktion, ein verblüffend einfaches Funk-tionssystem und zugleich ein raffi niert gebautes Organ, High-tech der Anatomie, wenn man so will. Und ein ungelöstes Rätsel der Entwicklungsgeschichte noch immer. Bis heute wissen wir nicht wirklich, wie denn der Sinusknoten, der verborgene Takt-geber des Herzens, gestartet, wie und wodurch er programmiert

Herzkranzgefäße: arteriell (rot), venös (blau).

rechteKoronar-arterie

Vorder-wand-arterie

linkeKoronar-arterie

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wird. Es scheint, als seien uns der Herzschlag und sein Rhyth-mus geschenkt, woher und von wem auch immer. Arthur Scho-penhauer gab seinerzeit eine metaphysische Erklärung: »Uner-müdlich ist allein das Herz; weil sein Schlag und der Blutumlauf nicht unmittelbar durch die Nerven bedingt, sondern eben die ursprüngliche Äußerung des Willens sind.« Dieser Wille aber ist wiederum das nicht fassbare Prinzip einer idealistischen Phi-losophie. Eine »von Gott dem Menschen eingepfl anzte Urkraft«, wie es der Amsterdamer Arzt, Chemiker und Naturforscher Jo-han Baptista van Helmont (1579 –1644) defi nierte. Kann das sein? Oder wird der Herzschlag etwa durch eine vis vitalis, die in vie-len Kulturen vermutete Lebenskraft, das Qi, die »Lebensener-gie« des chinesischen Taoismus, erzeugt?

In den Nerven sei sie zu fi nden, die Lebenskraft, formulierte William Cullen (1710 –1792), ein schottischer Arzt, der im 18. Jahr-hundert den Begriff der Neurose prägte. Möglicherweise ist es aber auch unser vegetatives Nervensystem, das durch Spannung und Entspannung wie ein Uhrwerk unser Herz bewegt. Dagegen spräche freilich, dass ein aus dem Körper entnommenes Herz längere Zeit noch schlägt, obwohl Nerven und Gefäße abge-trennt wurden. Das autonom schlagende Herz, vielleicht doch ein Lebewesen, das eigenständig »lebt und spricht«, wie die ägyptischen Priester dachten? Haben die Azteken deshalb in ri-tuellen Opferzeremonien Jünglingen das Herz herausgerissen – zu Ehren ihrer Gottheiten?

Fragen über Fragen und keine bündige Erklärung bisher für das Schlagen des Herzens. Entzieht sich dieses Phänomen un-serem Verstand? Wird dieser Rhythmus womöglich außerhalb von uns erzeugt, durch Anziehungskräfte, wie wir sie bei Ebbe und Flut kennen? Oder ist das Herz ein sich selbst organisieren-des autarkes System im menschlichen Körper, das sich kontinu-ierlich regeneriert, im Sinne der Chaostheorie Ordnung aus der Unordnung schafft? Ein eigener Kosmos, der über ein eigenes vernetztes Nervensystem verfügt, das vom Gehirn unabhängig ist, sich mit notwendigen Mikronährstoffen versorgt und diese

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speichert, gar über eine eigene Hormonproduktion verfügt oder im Bindegewebe Elektrizität erzeugt und, wie moderne Neuro-kardiologen annehmen, ein eigenes Gehirn, ein Herzgehirn be-sitzt, das fühlt, speichert und steuert?

Keiner weiß es bisher, keiner kann es sich erklären. Und den-noch geschieht immer das Gleiche: Kaum haben sich eine Eizelle und ein Spermium verbunden, beginnen schon nach wenigen Tagen einige Zellen zu pulsieren. Der Sinusknoten startet das Leben und hält es von nun an in Bewegung, nicht nur fortdau-ernd, sondern auch angepasst an die jeweiligen Lebensumstände. »Unwillkürlich« reagiert er auf unterschiedliche Beanspruchung und Befi ndlichkeiten des Körpers. Das heißt: Den Herztakt gibt der Sinusknoten zwar autonom vor, aus sich heraus, hinsichtlich der Frequenzwahl aber agiert er keineswegs autonom, sondern körpergesteuert. So kann er dem Herzen beispielsweise nicht von sich aus den Befehl geben, schneller zu schlagen, weil wir vor einer Gefahr davonlaufen müssen, oder langsamer zu schla-gen, weil wir einem entspannenden Musikstück lauschen. Wo-her aber kommen die entsprechenden Befehle dann?

Funktional betrachtet, ist der Sinusknoten so etwas wie der Steuermann des Herzens, der oberste elektrische Taktgeber, der natürliche Herzschrittmacher. Der Begriff »Knoten« ist dabei etwas irreführend, weil man von ihm in Wahrheit nichts sehen oder ertasten kann. Vielmehr versteckt sich hinter der Bezeich-nung ein ungefähr kirschkerngroßes Gebiet im rechten Vorhof, dessen spezialisierte Zellen in der Lage sind, sich selbst elek-trisch zu erregen. Die so erzeugten elektrischen Signale werden dann über winzige Verteilerstrecken, das Erregungsleitungs-system, an die Herzmuskelzellen weitergegeben, die sich dar-aufhin gemeinsam in einer bestimmten, präzise koordinierten Abfolge zusammenziehen und entspannen. Der Herzschlag ent-steht. Da dieses Erregungssystem durch elektrische Impulse an-getrieben wird, kann man es, wenn es stillsteht, auch durch elek-trische Stimulation wieder zum Laufen bringen, was sehr oft, aber nicht immer, gelingt. Viele Fälle des plötzlichen Herztods

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durch ein elektrisches Chaos der Herzerregung (Kammerfl im-mern) mit mechanischem Stillstand des Herzens und des Blut-kreislaufs könnten jedoch vermieden werden, wenn an öffent-lich stark frequentierten Orten wie in Fußballstadien, Bahnhö-fen oder Flugplätzen mehr fachkundig bediente Defi brillatoren, auch Elektroschockgeräte genannt, für die Wiederbelebung zur Verfügung stünden.

Erbe aus Urzeiten

Als Rhythmusgeber des Herzens muss der Sinusknoten die Frequenz des Herzschlags und damit die Leistung der Pumpe bei der Blutversorgung des Körpers immer wieder den unter-schiedlichsten Bedingungen, verschiedensten Einfl üssen anpas-sen. Körperliche Belastungsänderungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie wechselnde psychische Zustände. Dass unser Herz bisweilen zu rasen beginnt, ist aber zunächst ein Resultat der Entwicklungsgeschichte. Der Mensch hat jahrtausendelang in einer Umwelt gelebt, in der er ständig großen Bedrohungen ausgesetzt war. Tauchte plötzlich ein Säbelzahntiger auf, musste schnell gehandelt werden, Anspannung erfasste den Körper, schlagartig erhöhte sich der Energiebedarf. Die Sinnesorgane, Augen und Ohren, meldeten die wahrgenommene Gefahr an das Gehirn, woraufhin ein bestimmtes Hormon, das Adrena-lin, verstärkt ausgeschüttet wurde. Wie ein Feuermelder wir-ken diese Botenstoffe. Die Moleküle des Stresshormons sorgen für Alarm im Blut. Schlagartig, im buchstäblichen Sinne mit dem Herzschlag, wird jede Zelle informiert und in Abwehrfunktion versetzt.

Binnen kurzem bringt das Adrenalin so alle Körperfunkti-onen auf Trab, das Herz pumpt schneller, mehr Sauerstoff er-reicht die Muskeln, Energiereserven werden aus Leber und Mus-keln in Form von Zucker mobilisiert, die Muskeln spannen sich an, damit sie rascher reagieren können zum Absprung oder zur

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Verteidigung. Auch das Sehen wird schärfer, das Gehör verbes-sert sich, der Mensch agiert schneller – hoffentlich schnell ge-nug, um der Gefahr noch rechtzeitig zu entkommen. Diese Art von Beschleunigung des Herzschlags hat unser Überleben als Art gesichert. Als Verhaltensmuster ist es in unser Erbgut ein-gegangen, auch wenn es unterdessen nicht mehr die Säbelzahn-tiger, sondern Überforderung, Stress, Mobbing und andere For-men psychischer Belastung sind, die das körperliche Krisenma-nagement auslösen, den Herzschlag antreiben und unser Herz schlimmstenfalls rasen lassen.

Heute wie damals, im Schlafen wie im Wachen, immer unter-liegt die Aktion des Sinusknotens – und damit der Eigenrhyth-mus des Herzens – den Einfl üssen unseres gesamten unbewuss-ten vegetativen Nervensystems. Alles, was wir tun, geistige wie körperliche Tätigkeit, verändert den Herzschlag. Jede Gefühls-schwankung wird registriert und in Herzrhythmus umgesetzt. Gleich, ob es um Angst oder Freude, Druck oder Entlastung geht, immer kommt es zu einer Anpassung, und immer geschieht sie als unbewusster Refl ex, vermittelt über Zehntausende von Kilo-metern jener vegetativen Nervenbahnen, die zwischen dem Ge-hirn, dem Rückenmark, den Organen und dem Herzen verlau-fen.

Sicherlich hat auch Ihr Herz schon einmal schneller geklopft, nicht nur bei körperlicher Anstrengung, sondern weil Sie ver-liebt, aufgeregt, erschrocken waren. Oder Ihr Herzschlag ist wieder langsamer geworden, weil Sie jemand in den Arm ge-nommen hat. Wie sensibel unser Herz reagiert, kann jeder selbst erleben; und das Wissen darum kann jedem helfen, mit mancher Herzattacke fertig zu werden. Auch wenn es unabhängig von unserem Willen schlägt, ist das Herz doch ein Organ, mit dem wir sehr viel bewusster leben sollten, als wir das gemeinhin tun. Wir brauchen ja nur auf die eigene Sprache zu hören, um zu er-kennen, wie sehr wir nicht nur körperlich auf das Herz angewie-sen sind. Oder weshalb sonst sollten wir »herzliche« Grüße ver-

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senden, uns etwas »zu Herzen nehmen«, von »Herzen ergriffen« sein oder »Herzschmerz« erleiden, wenn wir uns unglücklich verlieben. Und warum gar sollte uns das »Herz brechen«, wenn wir verlassen werden, schmerzlichen Verlusten nachtrauern; warum sagen wir von einem bösen Menschen, dass er »herzlos« sei, während wir dem guten das »große Herz« nachrühmen? Das alles zeigt doch, dass unser Herz sehr viel mehr ist als ein Muskel, der sich sezieren lässt. Um es zu begreifen, muss man es ganz-heitlich betrachten, gleichsam als ein Sinnesorgan der besonde-ren Art, als das mit der sensibelsten Wahrnehmung überhaupt. Denn, so heißt es in Antoine de Saint-Exupérys (1900–1944) zauberhafter Erzählung vom »kleinen Prinzen«, »man sieht nur mit dem Herzen gut«.

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Dietrich Grönemeyer DeinHer z - S. Fischer Verlag· 2012-04-10· Teil III Herzkrank – der Ursachen sind viele Die Erkr ankungen des Herzens im Überblick: Symptome, Diagnose, - [PDF Document] (36)

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